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Die Folgen des Neins für KMU

Nach dem Nein zur Altersvorsorge 2020 stehen KMU vor neuen Herausfoderungen. Der nachfolgende Artikel zeigt die Folgen für KMU auf, die sich durch das Scheitern der Vorlage ergeben. Viele KMU bekommen keine Vollversicherung mehr und es besteht das Risiko, dass «die versicherten Mitarbeiter Geld nachschiessen» müssen. 

Quelle: SonntagsZeitung; Erich Bürgler; 17.12.2017; Seite 35; Wirtschaft

Helvetia prüft Teilausstieg aus dem Vorsorge-Geschäft


Alle grossen Versicherer wie Swiss Life, Basler und Axa lehnen KMU zunehmend als Kunden ab. Das Geschäft mit der Altersvorsorge wird für Versicherungen zunehmend unattraktiv. Für die Vorsorgegelder in der zweiten Säule bieten noch sechs Anbieter eine Vollversicherung an. Das ist quasi ein Rundum-sorglos-Paket, von dem viele kleine und mittlere Unternehmen Gebrauch machen. Es garantiert die Guthaben der Versicherten in der zweiten Säule bei Erreichen des Pensionsalters vollumfänglich – egal, wie sich die Finanzmärkte entwickeln.


Nachdem Anbieter wie die Zurich schon vor einigen Jahren aus diesem Bereich ausgestiegen sind, überlegt sich eine weitere Versicherung diesen Schritt. «Helvetia prüft zurzeit verschiedene Szenarien, um ihr Geschäft mit der beruflichen Vorsorge auch in Zukunft rentabel gestalten zu können. Dabei werden alle denkbaren Varianten geprüft», sagt Donald Desax, Leiter Berufliche Vorsorge bei Helvetia. Im Klartext heisst das, dass auch ein Ausstieg ein Szenario ist. Über 10 000 Betriebe sind bei der Vollversicherung der Helvetia angeschlossen. Das Problem: Der Umwandlungssatz, der bestimmt, wie viel des angesparten Kapitals der zweiten Säule jährlich als Rente ausbezahlt wird, ist im Obligatorium der Berufsvorsorge mit 6,8 Prozent aus Sicht der Versicherer angesichts des Tiefzinsumfelds viel zu hoch. Um das Modell der Vollversicherung zu sichern, sei die Politik gefordert, innert kürzester Zeit eine Rentenreform auf die Beine zu stellen, sagt Desax. «Die Senkung des Umwandlungssatzes ist dringend und zwingend.»

Gewerbler müssen die Risiken selbst tragen
Auch bei anderen Versicherungen rumort es. Monika Behr, Leiterin des Bereichs Leben bei Allianz Suisse, musste jüngst beim Mutterkonzern in München antraben, wie es in der Branche heisst. Thema war das Geschäft mit der Berufsvorsorge. Man stehe in regelmässigem Austausch mit der Allianz-Gruppe, auch zu den Herausforderungen im Lebengeschäft nach dem Nein bei der Abstimmung zur Altersvorsorge 2020, sagt ein Allianz-Sprecher. Ein Ausstieg aus dem Vollversicherungsgeschäft sei derzeit aber kein Thema. Wie ein Broker sagt, halten gewisse Versicherungen nur an dem Geschäft fest, um Unternehmen in einem Paket gleich auch Sach- und Haftpflichtversicherungen verkaufen zu können. Marktführerin Swiss Life will zwar nichts von einem Ausstieg wissen, doch sie lehnt immer wieder Anfragen von Unternehmen für Vollversicherungen ab. Eine Sprecherin verweist auf überhöhte Kapitalanforderungen der Regulatoren. Man zeige sich deshalb beim Neugeschäft zurückhaltend. Auch Axa ist laut eigenen Angaben selektiver bei der Annahme neuer Versicherter.
Alle Anbieter gingen diesen Weg, sagt Pensionskassenexperte Werner C. Hug. «Der Trend ist klar. Viele KMU erhalten keine Vollversicherung mehr. Sie müssen die Anlagerisiken in der Berufsvorsorge selbst tragen.» Nur wenn ein Unternehmen wenige ältere Mitarbeiter oder Pensionierte habe, erhalte es einen solchen Vertrag. Die Alternative sind teilautonome Versicherungsmodelle, bei denen die Versicherten das Anlagerisiko tragen. Bei sinkenden Börsenkursen können die Betroffenen in eine Unterdeckung geraten. Im schlimmsten Fall müssten die versicherten Mitarbeiter Geld nachschiessen.
Laut Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, sind teilautonome Versicherungen keine echte Ausweichmöglichkeit. «Viele KMU können oder wollen diese Risiken nicht selbst tragen.» Wenn die Voraussetzungen für einen Vertragsabschluss verschärft werden, habe das zur Folge, dass kleine und mittlere Unternehmen unter Umständen den Versicherer gar nicht mehr wechseln können oder dass sie beim bisherigen oder neuen Versicherer schlechtere Bedingungen hinnehmen müssen. Falls die Zahl der Versicherungsanbieter sinkt, spitzt sich diese Lage noch zu. Ausserdem seien die Anbieter von teilautonomen Modellen zunehmend wählerisch. «Findet ein Unternehmen gar keinen Versicherer mehr, ist es gezwungen, sich der Auffangeinrichtung anzuschliessen», sagt Bigler. Sie deckt allerdings nur das Obligatorium in der Berufsvorsorge.

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